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Klangkunst: Deaf Moor - silence is nice … but …

Aus der Stille des Teufelsmoors webt der Klangkünstler Emanuele Grossi ein faszinierendes Klangnetz für das Hier und Jetzt. In seinen Live-Performances verbindet er Naturaufnahmen mit Klängen des eigenen Körpers zu einer einzigartigen, elektronischen Komposition.
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In Haus6, einem Ort für aktuelle Kunst und Events in Worpswede, wird es still – und gerade darin vielschichtig. Der italienische Komponist und Klangkünstler Emanuele Grossi, der unter dem Namen emasame arbeitet, war im Rahmen eines Stipendiums des niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur zu Gast im Künstlerdorf. Am 23. Mai präsentierte er dort mit „Emigrain“ eine interaktive Performance, die sich zwischen Konzert, Klanginstallation und offener Jam-Session bewegte. Ausgangspunkt seiner Arbeit ist die besondere Atmosphäre des Teufelsmoors: eine Ruhe, in der äußere Reize zurücktreten und innere Klangwelten – und, wie er andeutet, auch die eigenen „Teufel“ – deutlicher hervortreten.

Grossi berichtet, er sei über das Niedersachsen-Stipendium für Neue Musik nach Worpswede gekommen, das ihm den Aufenthalt in den Künstlerhäusern ermöglicht habe. Seine Residenzzeit habe er dort gerade verbracht. Seit 2020 lebe er in Deutschland, inzwischen in Berlin; ursprünglich stamme er aus Italien. Worpswede selbst habe ihn weniger aufgrund seiner Kunstgeschichte interessiert als wegen der konkreten Situation vor Ort in der Stipendienstätte. Nach einer langen Phase des Reisens in Asien, unter anderem in lauten Metropolen wie Hanoi oder Jakarta und auf Java, habe ihn die Stille hier besonders angesprochen. Es sei eine Zeit mit „weniger äußeren Reizen und mehr Zeit für mich selbst und Introspektion“ gewesen. Diese Erfahrung habe seine künstlerische Arbeit unmittelbar geprägt. Grossi entwickelt ein Klangprojekt, in dem er Naturaufnahmen mit Klängen seines eigenen Körpers verbindet. Er nehme vor Ort Geräusche auf – etwa im Teufelsmoor – und verarbeite sie anschließend elektronisch weiter. Schon das unmittelbare Erleben der Landschaft sei eine zentrale Inspiration gewesen: die „plötzliche Stille“ um ihn herum habe er mit einer inneren „Deafness“ verknüpft. Daraus sei die Idee entstanden, die „sehr weichen Klänge der Natur im Moor – Vögel, Insekten, kleine Tiere, der Wind im Gras – mit Klängen in meinem Körper zu verbinden“. Diese inneren, ebenfalls leisen und feinen Klänge würden anschließend verstärkt, verändert und „auf ein anderes Niveau gebracht, um daraus etwas Starkes zu erzeugen“.

Technisch arbeitet Grossi mit granularer Klangverarbeitung. Dabei würden seine Aufnahmen in kleinste Einheiten, sogenannte „Grains“, zerlegt und anschließend neu zusammengesetzt. So könne bereits aus einem kurzen Ausschnitt ein völlig neues Klangerlebnis entstehen. Das Material werde nicht einfach abgespielt, sondern in jeder Aufführung live verändert. Das von ihm programmierte System reagiere automatisiert auf bestimmte Parameter und generiere so bei jedem Durchlauf neue Kombinationen. An einem konkreten Beispiel erläutert er den Prozess: Nimmt er einen kleinen Ausschnitt und wiederholt ihn, entstehe etwas anderes als die ursprüngliche Aufnahme. Während des Gesprächs sei im Hintergrund ein „Freeze“, also ein eingefrorener Klang, zu hören gewesen. „In diesem Moment hier vor Ort hat das System entschieden, sich zu stoppen“, sagt er, und wiederhole nun genau diesen „Grain“. Die Verbindungen zwischen den Geräuschen würden dabei fortlaufend automatisiert verändert. Jeder Moment der Komposition sei daher einzigartig. „Was wir gerade hören, gibt es nur jetzt; beim nächsten Mal sind die Klänge andere“, erklärt Grossi. In der Live-Performance greife er zusätzlich manuell ein: Zwar bleibe der Prozess derselbe, doch entscheide er im jeweiligen Augenblick als Performer, welche Parameter verändert werden – etwa welche Granularität lauter oder schneller werde. So verschränkten sich automatisierte Abläufe mit unmittelbarer künstlerischer Entscheidung im Hier und Jetzt.

Auf die Frage, ob es sich eher um eine variable, automatisierte Komposition oder um eine klassische Live-Performance handle, betont Grossi die Bedeutung des Moments. Er konzentriere sich derzeit stärker auf das Live-Element; entscheidend sei für ihn, dass etwas entstehe, das nicht beliebig reproduzierbar sei. Er arbeite „nicht an einem festen Werk im klassischen Sinn, sondern an einem sich wandelnden Prozess“.

Dabei spiele der Ort eine zentrale Rolle. In Indonesien habe er etwa mit traditioneller Musik in dichten, lebendigen urbanen Umgebungen gearbeitet. Worpswede stelle dazu einen Gegenpol dar: Die Arbeit sei hier ruhiger, introvertierter geworden. Der Ort verändere nicht nur das Material, sondern auch die Haltung, mit der er arbeite. Zugleich könne diese Ruhe ambivalent sein. Eine ehemalige Stipendiatin habe ihm erzählt, die Stille sei ihr fast zu viel gewesen, sogar ein wenig angsteinflößend. Auch er selbst kenne dieses Gefühl: Künstlerresidenzen seien zwar als inspirierende Orte gedacht, doch zugleich empfinde er „eine Art Angst, als Künstler besonders allein zu sein in unserer Gesellschaft“. Gerade deshalb sei dieser Ort für ihn wichtig gewesen – „aber eben auf eine ganz andere Art und Weise“.

Diese Erfahrung beschreibt er insgesamt als sehr positiv. In einer Zeit, in der Kunst zunehmend unter Druck stehe, brauche es Räume, in denen Künstler unabhängig arbeiten könnten, ohne sofort auf Output oder Verwertbarkeit ausgerichtet zu sein. Die Künstlerhäuser in Worpswede und ihr Team schafften genau diesen Raum zwischen Rückzug, Austausch und künstlerischer Freiheit.

Auch im Hinblick auf den ländlichen Raum sieht Grossi den Wert solcher Residenzen vor allem darin, dass es sich um ein aktives Künstlerdorf handle. In der gegenwärtigen Situation habe es freie Kunst schwer, nicht zuletzt aufgrund staatlicher Kürzungen und Debatten um Zensur oder Nicht-Zensur provokativer Arbeiten. Künstler täten gut daran, unabhängiger zu werden, auch von direkten Aufträgen. Die Strukturen in Worpswede bewertet er als „extrem positiv“, weil dort eine wohlwollende Zwischeninstanz wirke: Zwar habe er ein Stipendium erhalten, doch vor Ort habe niemand kontrolliert, was er tue. Gleichzeitig entstünden Kontakte zu anderen Künstlern und lokalen Akteuren; die Häuser – insbesondere Haus 6 – förderten diesen Austausch, ohne ihn zu erzwingen. Diese Form der „Intermediation“, die zugleich den künstlerischen Prozess schütze, empfinde er als besonders inspirierend. Sein eigenes Ziel formuliert er klar: „Ich möchte unabhängiger sein und nichts verkaufen – das ist nicht so mein Ding. Ich möchte live auftreten und improvisieren.“

Der Aufenthalt in Worpswede endet mit einer Performance seiner Kompositionen in Haus6. Ob aus dem gesammelten Material später noch etwas Dauerhaftes entsteht, lässt Grossi offen. Er sammle ohnehin zahlreiche Aufnahmen von den Orten, an denen er arbeite; daraus könne irgendwann eine Art klangliches Tagebuch werden, eine Sammlung verschiedener Orte. „Im Moment steht aber meine Live-Arbeit im Vordergrund.“

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